Geschichte vom kleinen Wassertropfen


Hoch oben am Himmel zog seit Tagen eine dicke dunkle Wolke voller kleiner Wassertropfen, mindestens ganz viele Millionen.
Eines Tages, es war zu Beginn des Winters, sprach die Wolke zu ihren Tropfen: „Ihr müsst zur Erde hinuntergehen. Es ist Winter und die Menschen warten auf Schnee. Darum möchte ich, dass ihr hinuntergeht!“
Beinahe jeder der kleinen Tropfen ließ sich in die Tiefe fallen, gespannt darauf , was geschehen würde. Nur ein kleines Tröpfchen fing an zu weinen: „Ich will nicht da hinunter. Es ist so gemütlich hier oben. Ich kann alles perfekt beobachten, was da unten los ist, ich werde gewiegt und getragen; und außerdem will ich mit meinen Freunden zusammen sein. Ich gehe nicht hinunter. Und dahin schon gar nicht!“
„Oh doch, mein Tröpfchen, genau das wirst du tun,“ antwortete die Wolke. „ Genau wie es jeder andere tut!“ „Aber da unten ist es kalt!“ „Das merkst du nicht einmal,“ versuchte die Wolke ihren kleinen Tropfen zu trösten. „Denn du wirst einen ganz besonderen und sehr, sehr hübschen Mantel tragen,“ versprach sie.
„Ich werde wie alle anderen aussehen. Sie sind alle weiß, total langweilig weiß, sie haben überhaupt kein kleines bisschen Farbe. Ich weiß genau, wie sie aussehen, ich habe sie schon oft beobachtet. Und meine Freunde werden irgendwo anders sein und ich werde sie nicht finden und dann muss ich meine ganze Zeit mit fremden Tropfen verbringen, die ich überhaupt nicht kenne!“, maulte der kleine Tropfen weiter.
„Du wirst nicht aussehen wie alle anderen. Jeder von euch bekommt einen ganz besonderen Mantel, den es nur ein einziges mal auf der Welt gibt. Das wird dir helfen, die Kälte zu vergessen. Und die Kinder werden dich lieben, das wird dich von innen wärmen. Und jetzt, hör auf zu greinen, mach dich fertig und hinunter mit dir! Schnell, beeile dich, sonst bist du der letzte! Willst du das?“ So musste das Tröpfchen tun, wie ihm geheißen.
Als es aber einmal im Fallen war, beinahe schwerelos tanzend, schwebend, hinunter zur Erde gleitend, da dachte es, es habe nie zuvor etwas so Wunderbares erlebt. Es wünschte, dies würde niemals aufhören. Und als es an sich hinabblickte, da sah es, dass es einen filigran gewirkten, kristallin schimmernden Mantel trug. War der schön! Und als es sich umsah, staunte es ungläubig.
Denn jedes einzelne dieser Millionen anderer Tröpfchen trug so ein schimmerndes, wunderschönes Mäntelchen, aber keines glich dem anderen. Sie waren alle voneinander verschieden! Und alle zusammen sahen aus, als ob ganz zarte weiße Gardinenschleier aus den Himmelsfenstern wehten.
Schließlich erreichte einer nach dem anderen den Erdboden. Man hätte denken können, sie webten ein Tuch aus wollig weichem, weißem Stoff. Alles war bedeckt. Geräusche wurden gedämpft, ganz still wurde es, die Welt schien den Atem anzuhalten. Und obwohl es Winter war und sogar während des Tages lange Zeit dunkel, schien die Welt eigentümlich hell zu strahlen.
Und das kleine Tröpfchen war eins von denen, die dieses Wunder geschehen ließen!
Es war glücklich und stolz und wünschte sich, es bliebe immer so wie jetzt.
Und dann die Kinder! Sie jubelten über den Schnee, auf den sie so lange gewartet hatten. Sie tobten und tollten umher vom frühen Morgen bis das Tageslicht schwand.
Dies dauerte eine ganze Zeit. Manchmal kamen sogar noch mehr Schneeflocken und erneuerten das Weiß der Schneedecke.
Dann, eines Tages, fühlte sich der Sonnenschein anders an als sonst. Die Sonne schien wärmer und kräftiger zu werden. Und dann kam der Tag, an dem die Sonne sagte: „Ich denke, es ist Zeit für euch, euch zu bewegen anstatt herumzuliegen. Ich wärme euch auf und dann könnt ihr woanders hingehen.“
Alle Schneeflocken waren ganz froh und gespannt auf neue Abenteuer. Aber das kleine Tröpfchen wollte sich überhaupt nicht bewegen. „Oh, es ist so gemütlich, hier herumzuliegen. Ich habe auch gerade neue Freunde gefunden. Und außerdem mag ich meinen weißen Anzug, den außer mir niemand hat, sehr. Tatsächlich geht es mir sehr gut, so, wie es ist“; fügte es hinzu, „Ich werde nirgends hingehen.“ „Oh doch, genau das wirst du tun“, antwortete die Sonne. „Genau wie es jeder andere tut!“ Wieder hatte das kleine Tröpfchen keine Wahl.
Als die Wärme der Sonne kraftvoller wurde, schmolz es und wurde davongespült. Alle anderen wurden ebenfalls weggespült. So wurden sie zusammen erst ein kleines Rinnsal, dann ein kleiner Bach und ihr Fluss wurde schneller und schneller. Sie purzelten übereinander, hüpften, sprangen und fielen wieder und schnell ging es weiter. Endlich verlangsamte sich ihre Reisegeschwindigkeit und es kamen noch viel, viel mehr von ihnen dazu. Das war ein Geglucker und Gelache, ein Prusten und Gurgeln! Von nun an flossen unzählige Tropfen zusammen, alle in die gleiche Richtung. Sie flossen vorbei an Dörfern, an Wiesen mit Vieh darauf, an Bäumen und Wäldern.
Das Tröpfchen konnte sich nicht sattsehen und genoss dieses Fließen sehr. Alles,was es von oben aus der Wolke und von unten, als es auf dem Boden lag, beobachtet hatte, konnte es nun von der Seite ansehen. Das war neu! Und interessant!
Die Zeit verging. Die Wärme der Sonne wurde sogar noch stärker. Das Tröpfchen wäre gern mit all den anderen für immer so weitergeflossen... Aber eines Tages war es wieder die Sonne, die sagte: „Kommt einmal hier herauf, ich zeige euch etwas ganz anderes. Etwas, das ihr noch nie erlebt habt.“ „Oh, vielen Dank“, erwiderte das Tröpfchen, „aber mir geht’s prima. Ich möchte bis an mein Lebensende genau so weitermachen. Es ist wirklich sehr gemütlich hier unten im Flussbett.“

Aber, wie auch immer, plötzlich fühlte es sich, als ob es sich selbst auflöste und in die Luft gehoben würde. Es war ein seltsames Gefühl. Es wusste, dass es da war und es konnte sich spüren, aber es schien keinen richtigen Körper zu haben, in dem es sich befand. Es fühlte sich an, als ob es überall und nirgends zur gleichen Zeit wäre. Und es konnte alle Dinge gleichzeitig von oben, von unten und von der Seite sehen. Irgendwie war das beunruhigend, aber irgendwie war es auch spannend!
Als am Abend dieses Tages die Sonne untergegangen war, wurde es kühl. Das Tröpfchen fühlte sich schwerer und schwerer werden; aber bevor es verstanden hatte, was vor sich ging, wurde es an einen Grashalm gehängt. Aber wo waren all die anderen? Der kleine Tropfen fühlte sich einsam und verlassen. Was war geschehen? Das kleine Tröpfchen verstand nicht. So konnte es nichts anderes tun, als an seinem Grashalm zu hängen und abzuwarten, was passieren würde.
Langsam wich die Nacht der Dämmerung. Und endlich ging rotgolden die Sonne auf. Da erkannte das Tröpfchen, dass überall Tausende kleiner und großer Tropfen waren. Sie hingen wie es selbst an Grashalmen und schaukelten in der Morgensonne oder sie lagen gemütlich und breit auf Blättern herum. Das Licht der aufgehenden Sonne schenkte ihnen alle Farben, die man sich vorstellen konnte. Jedes von ihnen schimmerte transparent und farbenfroh wie kleine Regenbögen, wie etwas sehr Kostbares. Das war so wunderschön, dass der kleine Tautropfen für immer und immer hier bleiben wollte.
Aber wieder wurde er davongetragen. Dieses Mal ging es hinauf zurück zur dicken Wolke. Es gab so viel zu erzählen und viele der alten Freunde waren auch da. Was für eine Freude!
Eines Tages aber sagte die dicke Wolke wieder: „Ihr müsst hinunter zur Erde gehen. Aber dieses Mal werdet ihr als Tropfen gehen. Die Erde braucht dringend Wasser, es ist zu trocken dort unten.“
Der kleine Tropfen, der inzwischen gelernt hatte, dass es nichts nützte zu widersprechen, sprang mit all den anderen hinunter, um die Erde zu wässern. Sie begossen Felder, Wiesen und Wälder und halfen so, Blumen und Gras, Früchte und Gemüse und natürlich Bäume wachsen zu lassen.
Eines Abends wurde der Tropfen wieder in die Luft gehoben. Es fühlte sich ähnlich an wie damals, als es sich fast ganz aufgelöst hatte, aber sein Körper verschwand nicht. Er war nur leichter als sonst; nicht leicht genug, um zur Wolke zurückzukehren, er hing irgendwie in der Luft. Dafür konnte er die anderen besser sehen als beim letzten Mal. Aber alles andere war kaum zu erkennen. Bäume und Häuser, Wiesen und Wälder, Tiere und Menschen waren fast unsichtbar. Die Welt war stiller als an anderen Tagen und alles ging viel langsamer.
So blieb das eine Nacht und einen Tag. Dann änderte sich das Wetter und es wurde richtig kalt. Keiner der Tropfen konnte bleiben wie er war. Sie legten sich auf alles, was sie finden konnten.
Sie legten sich auf Äste von Bäumen und Sträuchern, auf Blätter, auf Grashalme, auf Häuser- und Schuppendächer, einfach überall hin. Wegen der Kälte hatten sie neue Mäntel bekommen. Sie waren wieder weiß, aber jetzt glitzerten sie wie Kristall, schimmerten eisig und blitzten, wenn das Sonnenlicht darauffiel. Alles war mit diesem blitzweißen, stacheligen Mantel bedeckt. Nicht so weich wie Schnee sah es aus, aber wieder war es wunderschön.
Und obwohl der kleine Tropfen am liebsten für immer ein Teil dieser Pracht geblieben wäre, so wie er immer gern geblieben wäre, was ihm gerade am schönsten vorkam, änderte er eines Tages wieder seine Gestalt.
Aber er hatte inzwischen verstanden, dass jede Phase des Seins auf seine eigene Art schön war.

                                                                                                       © Rosemarie Schrick