Der Konjunktiv

Es war einmal ein Konjunktiv,

der schlief – und schlief -

ganz tief.

Nicht tief genug

(und das war klug),
er ließ sich wecken;
begann
zu recken sich und strecken,
besann
sich seiner Möglichkeiten,
der zahllos vielen Lebensseiten...
Und damit wurde – ach -
auch jedes „hätte“, „könnte“ wach.

Der Konjunktiv,
der nicht mehr schlief,
hielt plötzlich für denkbar,
sein Leben sei lenkbar;
fing an,
sich zu entfalten,
sich nicht mehr zurückzuhalten,
kurzum: sein Leben selbst zu gestalten.

Zunächst war er etwas verwirrt,
hat manches Mal auch geirrt,
das Abwägen und das Entscheiden
konnte er nicht recht leiden.
Schließlich ist er die Quelle
für den Fall der Fälle,
für das „Wenn“ und „Würde“,
was wäre, wenn ich losließe des Alltags Bürde,
für das Offenbleiben
und nicht Festschreiben.
Aber auch für das tägliche Wagen,
sich aufs Neue zu fragen:

Was wär, wenn ich liebte, wie das Herz mich geheißen,
rückhaltlos, wehrlos und angstfrei,
wenn ich mir erlaubte, mich zu entreißen,
dem gültig geregelten Einerlei?

Stattdessen der wäre, der ich nun einmal bin
mit guter Portion eigenem Sinn,
wenn ich offen mein eigenes Denken kundtäte,
nach anderen Möglichkeiten spähte,
zu überprüfen das aus Schmerzen Gelernte -
das hülfe, dass ich mich nicht weiter von mir entfernte.
. . .


Es war einmal ein Konjunktiv,
der schlief
ganz tief,
bis ihn das Leben rief
und er ganz sachte
erwachte.

                                                            Rosemarie Schrick