Frühstücksei, lyrisch


Zum Frühstück wurd´ ich geladen schon

gestern für heute am Telefon.

Ob ich was mitbrächte, sei einerlei -

doch halt – sehr gern ein einzig Ei.

Es gebe leider nur noch zwei,

doch zu dem Morgenmahle sei´n wir drei.


Ich sagte zu und

schon tönt es aus dem Hintergrund:

„Bringst du ein Ei

herbei,

so bring ein lyrisches -

das wär verführerisch!“


Da hab´ ich einfach es gewagt

und unbekümmert "ja" gesagt.

Die Reue kam (wie üblich) im Nachhinein:

Wie kann ein Ei denn lyrisch sein?

Ein Ei ist groß, ein Ei ist klein,

ein Ei ist braun, ein Ei ist weiß,

roh ist es kalt und frisch gekocht ist es ganz heiß.

Und dann ist es total

oval.

Es ist wohl tierisch...

Doch lyrisch?!


Des Nachts kaum Schlaf vor lauter Grübeln,

ob man es würde mir verübeln,

wenn ich der Bitte nicht entspräche

mein Ei-Versprechen einfach bräche.

Nur das Versprechen, nicht die Schale...

da dämmert´s mir mit einem Male:


Was ist es denn, was Lyrik verrichtet,

ist es nicht, dass sie Sprache verdichtet?

Das heißt doch, dass sie Sprache in neuer Form erstellt,

so wie ein hart gekochtes Ei allein die Form behält,

wenn es aus seiner Schale wird gepellt.

Das wiederum bedeutet: bevor das Ei zerrinnt,

durch Kochen es Festigkeit, Struktur und Form gewinnt.

Genau wie Sprache, die schon fast zerflossen,

durch Lyrik wird in Form gegossen.


Mein Fazit also hier empirisch:

ein hart gekochtes Ei ist ganz schön lyrisch!


                                                             Rosemarie Schrick